Wo bleibt dein Fazit, Lena?

Mittlerweile ist es schon fast Juni und ich bin immer noch nicht dazu gekommen einen kleinen abschließenden Post über mein Auslandssemester zu veröffentlichen. Geschrieben habe ich ihn schon vor Monaten. Genau genommen noch direkt im Flugzeug auf dem Heimflug, um meine Eindrücke möglichst „frisch“ fest zu halten. Ich bin aber trotzdem froh, dass ich ihn jetzt, mit etwas Abstand, noch einmal auffrischen konnte.

Viel Spaß damit!

Ich sitze gerade im Flugzeug auf dem Weg nach Frankfurt und lasse die vergangene Zeit Revue passieren. Es waren interessante und lehrreiche fünf Monate, auch wenn es nicht in allen Bereichen so lehrreich war, wie ich es mir erhofft hatte, aber dazu mehr im nächsten Post.

Ich war im Januar wirklich kurz davor alles zu verfluchen als ich wieder in Lissabon ankam. Wenn man überhaupt von ankommen sprechen kann…

Es fing damit an, dass ich meine Metrokarte verlor und es wurde nicht besser. Grundsätzlich bin ich ein positiver Mensch, der in allem noch etwas Gutes sieht, aber es kam einfach zu viel auf einmal!

Von A bis Z lief alles schief. Ich war zwischenzeitlich fast obdachlos, wurde von Holmes Place versucht über den Tisch zu ziehen (Vertragsfälschung), musste einen Nachmieter in Deutschland finden, einen Umzug organisieren und vieles mehr. Ich war zwischendurch sogar noch mal drei Tage in Deutschland. Dadurch war mein letzter Monat nur bedingt ein „Auslandssemester“, weil ich mit meinen Gedanken überall, nur nicht in Lissabon, war.

So wirklich angekommen bin ich erst wieder durch das Video unten. Für die Abgabe in meinem Videokurs musste ich einen dreiminütigen Kurzfilm konzipieren, drehen und schneiden. Wer mag, kann ihn sich hier gerne mal anschauen. Genauer berichte ich aber auch noch im nächsten Post darüber.

 

Ich habe viel gelernt und bin dankbar, für alles. Es hätte in der Summe ein bisschen weniger sein dürfen… die Verbrennung zum Beispiel hat mir nachhaltig nur eine Narbe in L-Form hinterlassen. L wie Lissabon? Zufall? Schicksal! Everything happens for a reason.

Ich bin dankbar unterschiedlichste Menschen kennengelernt, in dieser wunderschönen Stadt gelebt, Yoga für mich entdeckt und tollen Besuch bekommen zu haben. Dankbar in schwierige Situationen geraten zu sein, die mich erwachsen werden lassen und eben unglaublich lehrreich sind.

Ich bin dankbar für meine wundervolle Familie, die mittlerweile sogar um zwei Mitglieder gewachsen ist, dankbar für meine Freunde, dankbar heimzukommen und mit offenen Armen empfangen zu werden, dankbar in einem so tollen Land geboren zu sein und last but not least: dankbar für dich.

Und wo wir schon beim Thema Zufall? Schicksal! sind. Im Flugzeug neben mir sitzt ein Mann der „Game Over“ auf seiner Wange tätowiert hat. Mein Abenteuer Lissabon ist jetzt over, aber eigentlich geht’s jetzt doch erst richtig los…

Eure Lena

 

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Freitag, der Dreizehnte

Nein, ich war nicht auf einem Festival. Ich war im Krankenhaus.

Es gibt einfach Dinge, die dürfen bei keinem Auslandsaufenthalt fehlen.
Ich kann das jetzt auch von meiner To Do Liste abhaken.
Wie war das? “Jede Woche etwas tun, was man vorher noch nie getan hat”.
In der Notaufnahme in Lissabon gewesen. Check.

Jetzt aber mal zurück auf Anfang. Was ist eigentlich passiert?

Freitag, der Dreizehnte

In der Vergangenheit schenkte ich dem Tag nie besonders große Aufmerksamkeit und meistens war es sogar ein besonders guter Tag. Mein Auslandssemester wäre aber langweilig ohne einen richtigen Freitag den 13ten, oder?
Eigentlich war es ein ganz normaler Tag…

Ich war um 10 in der Uni, Christina hatte Geburtstag und wir wollten abends dann noch gemeinsam was unternehmen, aber erst gegen späten Abend / Nacht, weil sie um 22.30 noch einen Besuch vom Flughafen abholen musste. Das kam mir aber eigentlich ganz gelegen, weil ich mir so mal wieder einen ganz entspannten Abend machen konnte. Schon beim Mittagessen fing es dann aber an…  Nachdem wir drei Stunden auf unser Essen gewartet hatten, bekam Denise einen super leckeren Fisch- Gemüseeintopf kredenzt, den sie nicht essen konnte. Ist vielleicht nicht der Tag um „mal was Neues auszuprobieren“. Eigentlich ist danach gar nichts mehr passiert. Bis ca. 19.50 Uhr.

Ich war zu Hause und machte Pancakes. Ich war richtig happy. Dazu haben die Pancakes natürlich einen großen Teil beigetragen ;). Mit vollen Magen und glücklich wollte ich skypen und mir vorher kurz noch einen Tee machen. Wasser gekocht. Teekanne geholt. Wasser in die Teekanne geschüttet und plötzlich knallt es und die Teekanne zerspringt.

Mein Oberschenkel und mein Oberkörper bekommen das heiße Wasser ab. Meinen Wollpullover habe ich sofort von meiner Haut weggehalten, aber meine hautenge Jeans brennte sich gefühlt in meine Haut ein. Vor Schock und Schmerz konnte ich kurzzeitig nicht mehr atmen und war auch nicht in der Lage die Hose auszuziehen. Nach einigen Schocksekunden war das aber die einzige Lösung. Die heiße Hose muss aus! Als ich sie ausgezogen hatte, setzt ich mich hin. Die Schmerzen waren wirklich höllisch! Mir liefen die Tränen und ich musste mich erst einmal sammeln, bis ich dann meine Hose komplett auszog und in die Dusche ging, um kaltes Wasser über den Oberschenkel laufen zu lassen. Im ersten Moment war das kaum möglich, aber ich wusste: Da muss ich durch.

Ich war alleine zu Hause, aber glücklicherweise hatte ich Unterstützung via Skype. Muito, mutig obrigada noch mal an dieser Stelle ❤

Mein Abendprogramm hatte sich etwas verändert. Ich habe Denise geschrieben das mir „etwas Blödes passiert ist“ und ich mich verbrüht habe. Sie rief sofort an und war meine Rettung, weil sie zwei sehr nette Freunde in Deutschland hat, die beide Ärzte sind. So bekam ich dann quasi direkt ärztliche Betreuung und eine Ferndiagnose via Skype. Noch mal tausend Dank an euch an dieser Stelle!

Ich lag in der Zwischenzeit mit Kühlakkus im Bett und habe irgendwie versucht die Schmerzen zu ertragen. Ich bin nicht so zimperlich, aber das waren wirklich unglaubliche Schmerzen, sodass ich dann doch zu einer IBU 800 griff. Die verbrannte Stelle schien erst mal ca. so groß wie zwei Hände. Später ging die Rötung dann weg und es bildeten sich konzentriert dunkle Stellen, dann auch Blasen. Mit den Blasen wurden die Schmerzen weniger. Deshalb bestellte ich Denise zu mir und wir machten noch das Beste aus dem Abend. Ja, ich bin dann sogar noch in die Stadt gefahren. Mit Jogginghose (was anderes war nicht möglich) gekleidet sind wir gerade noch so um 00:59 (um 1:00 Uhr kommt man nicht mehr in die Metro) losgefahren.

…als ich Nachts allerdings heimkam, sah die ganze Sache schon viel dramatischer aus. Die Blase wurde immer größer, mittlerweile war sie so groß wie mein Daumen und auch recht hoch.

Als es morgens dann noch mal deutlich schlimmer wurde, war ich mir nicht mehr ganz sicher, wie ich mit der Blase nun umgehen sollte. Ich hatte Angst sie könne jeden Moment platzen… das ist ziemlich viel Wundwasser da drin. Nach dem ich noch mal mit den Ärzten aus Deutschland gesprochen haben stand es dann fest: ab ins Krankenhaus. Die Wunde muss versorgt und von einem Arzt vor Ort beurteilt werden. Irem und Denise waren so lieb und sind mit mir ins Krankenhaus gekommen. 1000 Küsse an euch dafür! Wir sind zuerst mal in der Kindernotaufnahme gelandet („Warum sind hier so viele Kinder?“). Irgendwann waren wir dann aber richtig.

Emergencia

Eigentlich ein ganz netter Ausblick. Ich dachte kurz: „Hat sich ja fast gelohnt sich das Bein zu verbrühen.“. Diese Aussage wird Madame aber in den kommenden Tagen noch gewaltig bereuen. 

Ich habe eine Verbrennung zweiten Grades. Die doch recht große Brandblase (ca. 10 cm x 3 cm) wurde aufgestochen, gereinigt und die verbrannte Haut entfernt. Jetzt muss ich drei Mal die Woche zum Arzt und den Verband wechseln lassen. Das ist jetzt wirklich das größte Übel an der ganzen Sache: die Nachwirkungen. Die Wunde ist offen und muss deshalb regelmäßig richtig desinfiziert und verbunden werden. Ich kann nicht abschätzen wie lange das dauert, aber Minimum drei Wochen, eher fünf. Die Wunde darf nicht mit Wasser in Verbindung kommen, das heißt duschen ist ein Kunststück und auch mein geliebtes Schwimmen fällt die nächsten Wochen für mich aus. Was für ein Mist! Sport geht aber. Es gibt also keine Ausreden.

Da ich zum Verbandswechsel nicht in ein Krankenhaus muss, war ich auf der Suche nach einem Arzt in der Nähe. Ich habe meine Mitbewohnerin um Hilfe gebeten, immerhin ist sie ja Portugiesin und kennt sich etwas aus. Ich glaube sie wollte mich testen.

ES WAR SO STRANGE. Ich wünschte einfach nur, ich hätte eine versteckte Kamera mitgehabt. Vielleicht das nächste Mal, obwohl ich mir noch nicht sicher bin, ob es ein nächstes Mal bei ihm geben wird.

Der gute Mann war wirklich bemüht, aber… stellt euch einfach mal vor ihr geht in einem fremden Land, dessen Sprache ihr nicht beherrscht, zum „Arzt“ und landet in irgendeinem Haus, bei irgendeinem Mann, der die 60 schon weit überschritten hat und dessen Kollege wahrscheinlich gar nicht mehr so alt werden kann wie er aussieht, und er schmeißt euch direkt auf seine Behandlungsliege, ohne auch nur nach eurem Namen gefragt zu haben. Nix da Krankenkarte abgeben. Nix da Wartezimmer. Außer mir waren auch leider nur die zwei älteren Herren da. Eigentlich war bei mir alles auf Flucht eingestellt, aber ich fand es dann doch schon wieder lustig und habe mir die Comedy mal angesehen. Es war wirklich wie in einem 20er Jahre Stummfilm. Abgesehen davon, dass es genau so aussah, hat der Gute auch jede Bewegung so wundervoll ausgeführt, dass ich einfach nur lachen musste. Einmal hat er kurz den Raum verlassen und ich konnte mich nicht mehr halten vor lachen. Was mache ich hier? Und vor allem was macht ER hier an MIR? Er hat sich bemüht langsam zu sprechen, aber eu compreendo nada. Ich nichts verstehen.

 

Ich habe lange überlegt ob ich diesen Kommentar los werde,
aber ich entscheide mich mal dafür nicht den Mund zu halten!

Um 21.17 Uhr hat es zum ersten Mal geknallt in Paris. Es ist erschreckend und mir läuft ein Schauer über den Rücken wenn ich daran denke was, ungefähr zeitgleich zu meiner Verbrennung, in Frankreich passiert ist. Es klingt vielleicht schwachsinnig, und ja der Vergleich ist makaber, aber ich bin in Tränen ausgebrochen weil ich mir, vom Schmerz noch richtig gepackt, vorstellte wie unfassbar qualvoll es sein muss zu verbrennen. Nur eine Wunde so groß wie meine Hand nimmt mir die Luft zum Atmen. Auch die Geschehnisse von Freitag Abend nehmen vielen die Luft zum Atmen und noch viel schlimmer, geliebte Menschen, Freunde, Familie werden uns genommen. Einfach so. Aber nicht nur das. Mir fehlen an dieser Stelle die Worte und ich weiß nicht, wie sich die Lage in der Zukunft entwickeln wird, aber ich weiß, dass man darüber nicht schweigen sollte. Es wird Geschichte geschrieben und das meine ich leider in keinem positiven Sinne, dennoch sind wir hier und jetzt dafür verantwortlich wie sich die Welt von heute entwickelt.

Diesmal ist es anders